© 2000 John Petroff; Übersetzung 2008 Hans H. Knauf  

F - Analyse der Bargeldreserven und Bargeldähnlichem

 

Aus ganz unterschiedlichen Gründen benötigt ein Unternehmen Bargeld: für Geschäftsabschlüsse (d. h. regelmäßige Zahlungen vorzunehmen); für Vorsichtsmaßnahmen (d.h. unerwartete Schwierigkeiten zu bewältigen); für spekulative Zwecke (d.h. aus unbenutzten Mitteln eine möglichst hohe Rendite zu erwirtschaften und für mögliche Gelegenheiten); für eine zukünftige Erhöhung der Ausgaben und Assets und den Vorgaben eines Kreditgebers eine Mindestsumme als Reserve zu halten.

1) – Optimales Barguthaben

Seit Beginn dieses Jahrhunderts ist es den Firmen möglich Bankkonten (z.B. Geldmarktkonten, Nullsaldenkonten) einzurichten, womit praktisch kein Geld herumliegt, ohne mindestens einige Zinsen zu verdienen. Nur Geld in der Portokasse oder vorübergehende Kassengelder verdienen keine Zinsen und für die meisten Firmen, besonders Hersteller, ist dies unwesentlich. Auf der anderen Seite sind die Erträge aus einem Geldmarktkonto sehr niedrig: 4,5% bis 5,5% im Jahr 2000 bei einer Inflationsrate von 2%. Der größte Teil der von den Unternehmen gehaltenen Bargeldreserven wird normalerweise in verkäufliche Wertpapiere angelegt, die das Doppelte eines Geldmarktkontos einbringen können. Für Unternehmen, die nichts mit Finanzen zu tun haben, ist selbst der Ertrag aus börsengängigen Wertpapiern nicht ausreichend, weil die Durchschnittskosten für Unternehmenskapital (Verweis auf Kapitel 11 Abschnitt D-1) wahrscheinlich die Aktiengewinne erreichen, die in 1999 durchschnittlich 20% betrugen (Verweis auf Kapitel 13 Abschnitt D-5. Das bedeutet also, dass Alternativkosten entstehen, sog. Opportunity cost, selbst dann, wenn börsenfähige Wertpapiere gehalten werden. Diese Alternativkosten vermehren sich in Proportion zu dem gehaltenen Bargeld: je weniger Projekte bearbeitet werden, desto höher ist der Ertrag.

Es entstehen allerdings auch dann Kosten, wenn nicht genügend Geld vorhanden ist. Wird sehr wenig Bargeld gehalten, so können diese Kosten sehr hoch sein. Tatsächlich kann Geldmangel eine sofortige Intervention bei Katastrophen verhindern. Und/oder Gelegenheiten werden aus Geldmangel verpasst. So wie sich die Bargeldreserven erhöhen, so vermindern sich die Kosten für unzureichendes Geld und wird asymptotisch im Vergleich zu den Kosten eines Kredites (der sehr gering ist). Rein mathematisch ergibt sich die optimale Geldsumme aus den geringsten Kosten für das Halten von Bargeld einerseits und das Nicht-Halten andererseits.

Die Mindestmenge hängt voll und ganz davon ab, was die Geschäftsleitung von der Zukunft erwartet, vor allen zukünftige Erweiterungspläne, das Potenzial für unerwartete Gelegenheiten und größere Betriebsunterbrechungen. Es wirkt sich ebenfalls auf die Qualifikation des Unternehmens aus, neue Mittel zu erheben oder zu leihen. Es ist schwierig diese beiden Abwägungen in Zahlen auszudrücken. Außerdem sind tägliche Zahlungseingänge kontinuierlich, größere Auslagen für neue Projekte jedoch nicht. Für solche großen Ausgaben muss Bargeld über Monate wenn nicht Jahre gesammelt werden. Bargeld-Management besteht deshalb aus zwei Teilen. Der erste Teil bezieht sich auf den Fluss regelmäßiger Einnahmen und Ausgaben, die einen absolut minimalen Kontostand voraussetzten, der das ganze Jahr über zur Verfügung stehen muss (vielleicht höher in der Saison, wo mehr Geld ausfließt); dazu benutzt man am Besten ein Bargeld-Budget, das im letzten Abschnitt dieses Kapitels behandelt wird.

Der zweite Teil betrifft die Geldakkumulierung für langfristige Ausgaben und unvorhergesehene Katastrophen. Dieser Teil ist nicht so mathematisch. Wahrscheinlich ist es wesentlich wichtiger unterliegende Gründe zu identifizieren und zu bewerten (z. B. Entwicklungspläne für ein neues Produkt), als den Saldobetrag, den ein Unternehmen beabsichtigt, in der Bilanz zu zeigen. Trotzdem, wenn man liest, dass das Unternehmen nächstes Jahr eine größere Anzeigenkampagne plant, würde die Strategie wesentlich stabiler erscheinen, wenn das Unternehmen dafür bereits eine beträchtliche Bargeldreserve geschaffen hat. Diese Analyse geht über Liquidität und kurzfristige Betrachtungen hinaus. Die Sicherheit, die ein Unternehmen mit solchen Reserven aufbaut, lässt sich wohl am Besten mit dem Konzept von freien Mitteln untersuchen, welches in Kapitel 10 Abschnitt F-3 umrissen wird und das kurz in Abschnitt J-3 dieses Kapitels berührt wird.

Wiederholung: Q-8F.1 bis Q-8F1.8.

2) – Vergleich zwischen Industrien und Firmen

Im Allgemeinen nimmt man an, dass Hersteller größere Bargeldreserven halten als Firmen in dem Service Sektor oder die öffentlichen Versorgungsunternehmen, weil sie in unsicheren Märkten operieren. In Tabelle T-8.6 wird die Proportion von Bargeldreserven gegenüber Assets von 80 000 amerikanischen Firmen gezeigt, die in acht Sektoren und nach Umsatz in 1999 aufgeteilt wurden.

Tabelle T-8.6

Bargeldreserven in % der gesamten Assets nach Größe von 80 000 amerikanischen Firmen in 1999

Umsatzgröße (in Millionen $)

0-1 1-3 3-5 5-10 10-25 >25

Durchschnitt
Transportwirtschaft 9 9 9 9 8 7 9
Dienstleistungswirtschaft 15 11 12 13 12 13 12
Versorgungswirtschaft 8 11 6 6 9 7 8
Bauwirtschaft 16 11 10 11 10 9 11
Großhandel 12 8 8 7 6 5 8
Einzelhandel 9 8 8 8 8 7 8
Fertigungswirtschaft 8 9 8 7 6 6 7
Informationswirtschaft 14 15 12 11 9.5 10 12

Durchschnitt

12 10 9 9 8 7 .

Gemäß in 1999 untersuchten empirischen Daten, die in Tabelle T-8,6 dargestellt werden, wird die allgemeine Annahme, dass die Fertigungsbetriebe größere Bargeldreserven halten, nicht bestätigt. Die Fertigungsindustrie hält im Durchschnitt 7% ihrer Assets in bar, im Vergleich zu 12% bei den Dienstleistungs- und Informations-Sektoren zum Beispiel. Außerdem kann die größere Bargeldreserve der Dienstleistungsfirmen nicht darauf zurückgeführt werden, dass es hier mehr kleinere Firmen gibt, als in der Fertigungsindustrie: größere Proportionen der Bargeldreserven sieht man in jeder Firmengröße.

Eine andere allgemeine Annahme besteht darin, dass kleinere Firmen größere Bargeldreserven haben sollten, weil es kleineren Firmen schwerer fällt, Zugang zu den Kapitalmärkten und Krediten haben, und weil sie schneller wachsen wollen, als die großen Firmen. Die in Tabelle T-8.6 gezeigten Daten aus 1999 bestätigt diese allgemeine Annahme, aber nicht für alle Industriezweige. Obgleich diese Empfehlung sehr weise ist, zeigen die empirischen Daten aus 1999, dass die Bargeldreserven der kleinsten Fertigungs- und Transportunternehmen in Proportion nicht größer sind, als die der großen Firmen. Das ist alles sehr beunruhigend, denn die kleinen Fertigungsfirmen sehen sich leicht einer unsicheren und unkontrollierbaren Geschäftsumgebung gegenüber. Die empirischen Daten zeigen vielleicht, dass sich ein großer Teil der kleineren Fertigungsfirmen in finanziellen Schwierigkeiten befindet (wie in Kapitel 11 Abschnitt E-2 bestätigt wird und in Kapitel 13 Abschnitt D-4, wenn wir Nettowerte und Ertragslage untersuchen, besprochen wird). Das ergibt zwei offensichtliche aber auch wichtige Beobachtungen über den Fertigungssektor in den USA in 1999: a) – gesündere Unternehmen haben größere Bargeldreserven, und b) – davon gibt es mehr in den großen Unternehmen.

Wiederholung: Q-8F2.1 bis Q-8F2.3.

3)- Historische Vergleiche

Die nachstehende Tabelle T-8.7 zeigt die Aufteilung der Assets für ausgewählte Jahre über die letzten 40 Jahre, die von Firmen in den USA gehalten wurden. Diese Daten sind sehr stark zusammengefasst und nicht unbedingt vergleichbar mit den Zahlen in anderen Teilen dieses Kapitels (die sich nur acht Sektoren ansehen).

Tabelle T-8.7

Asset-Komposition von US-Unternehmen 1960-96 (in Milliarden $)
. 1960 1970 1980 1987 1996
Gesamte Vermögenswerte 1207 2635 7617 15311 28642
Bargeld 97 177 529 754 1097
Wertpapiere 135 197 472 1092 1339
Außenstände 242 615 1985 3763 5783
Inventar 91 190 535 829 1079
Gesamte langfristige Assets 642 1456 4096 8873 19344
% Bar 0,19 0,14 0,13 0,12 0,09
% A/R 0,20 0,23 0,26 0,25 0,20
% Inventar 0,08 0,07 0,07 0,05 0,04
% Gesamtes Umlaufvermögen 0,47 0,45 0,6 0,42 0,32
% Gesamte langfristige Assets 0,53 0,55 0,54 0,58 0,68
Quelle: Statistical Abstracts, Active Corporations - Assets and Liabilities, 1960- , from US IRS Statistics of Income, Corporation Income Tax Returns.

Die Zahlen zeigen ganz deutlich einen bedeutenden Rückgang in der Proportion der Bargeldreserven. Man kann über viele unterschiedliche Gründe spekulieren (einige davon wurden schon genannt), die die zunehmende Proportion von festen Vermögenswerten und die abnehmende Proportion der flüssigen Mittel erklären könnten: bessere finanzielle Vermittlung, leichterer Zugang zu Kapital und Finanzmärkten, mehr Versicherungsangebote, stabilere Wirtschaft und ein hoch entwickeltes Management der finanziellen Vermögenswerte.

Wiederholung: Q-8F3.1 bis Q-8F3.2.

4)- Bargeldanteil

Ein selten benutzter Ratio, außer bei der Analyse von Unternehmen in Schwierigkeiten oder mit sehr spekulativen Investitionen, ist als Bargeld-Ratio (cash ratio) bekannt. Der cash ratio wird berechnet, indem man

Cash Ratio = Bargeld + börsenfähige Wertpapiere / kurzfristige Verbindlichkeiten

 Für die Kalkulation dieses Ratios nehmen wir als Beispiel die Daten von der TARGET="_blank">Merck Bilanz. Bargeld und Bargeldähnliches beläuft sich $3,356 Millionen und kurzfristige Verbindlichkeiten auf $ 6,069 Millionen. Das ergibt einen cash ratio für Merk in 1999 von

Cash ratio = 3,356 / 6,069 = 0.55

Das ist ein außergewöhnlich hoher Wert für einen cash ratio, was man nachweisen kann, indem man die cash ratios der anderen Firmen, die in diesem Text als Beispiele angeführt wurden, nachrechnet: Timken Bilanz , Lucent Technology Bilanz, Delta Air Lines Bilanz , Bell Atlantic Corporation Bilanz , und AO Boom GAAP Bilanz. In den folgenden Kapiteln werden die Gründe für die großen Bargeldreserven von Marck mittels mehrerer Beispiele untersucht.

Wiederholungsfragen Q-8F4.1.

Hausaufgaben R-8F.1 bis R-8F.5.

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Zuletzt geändert: 01. Juni 2001
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