|
|
© 2000 John Petroff; 2008 Übersetzung: Hans H. Knauf |
Die Liquiditäts Analyse beginnt sehr oft mit der Kalkulation des ‚current ratio' (Vermögen zu Verbindlichkeiten). Der ‚current ratio' basiert aber (wie viele andere Ratios auch) zum großen Teil auf der Art der Industrie und den Typ des zu untersuchenden Unternehmens. Der hier vorgeschlagene Startpunkt beginnt mit einem Blick auf die verschiedenen Arten von Industrien. Sechs Branchen wurden ausgesucht, um zu illustrieren, dass der Bedarf an Liquidität unterschiedlich ausfällt. Liquidität basiert auf dem Betriebs- oder Cash-Zyklus einer jeden Art von Firma. Es handelt sich hier um den Bargeld oder Arbeitskapital Fluss (d. h. flüssige Ressourcen) durch den gesamten Produktzyklus, von den anfänglichen Ausgaben für das Rohmaterial bis hin zur Einnahme der Verkaufserlöse.
Einige dieser Zyklen können sehr kurz sein (z. B. ist der Kürzeste wahrscheinlich der eines Spielers beim Wetten am Rennplatz) und einige sind sehr lang (z. B. die Züchtung von Elefanten kann länger als eine Menschengeneration dauern). Alles beginnt mit der Bargeldausgabe für den Kauf von Waren, zu denen die Gehälter für die Produktionsarbeiter hinzugerechnet werden müssen, um Rohmaterial in Endprodukte zu verwandeln, die wiederum Verkäufe ergeben, welche Außenstände schaffen, aus denen dann Zahlungen erfolgen, die dann in das Barguthaben zurückfließen. Die Länge des Cash-Zyklus eines Unternehmen lässt sich abschätzen, indem man kombiniert: die Länge der Zeit, während welcher das Inventar nicht verkauft wird, gemessen mit ‚Day Sales in Inventory (DSI)' (Tage Verkäufe im Inventar); plus die Zeit, die ein Kunde zur Bezahlung braucht, gemessen mit ‚Day Sales Outstanding (DSO)' (offene Tage Verkäufe); abzüglich der Zeit, die Vorlieferanten dem Unternehmen zur Zahlung gewähren, gemessen mit ‚Days Purchases Outstanding (DPO)' (Tage der offenen Einkäufe). Die nachstehende Tabelle T 8.2 enthält die Länge des Cash-Zyklus von sechs US Industrien (basierend auf 1993), sowie einige Liquiditäts Ratios.
|
|
||||||
|
|
||||||
| . | G | M | W | R | U | S |
| Current ratio |
2.6 |
1.7 |
1.4 |
1.1 |
1.4 |
1 |
| Quick Ratio |
1.3 |
0.8 |
0.9 |
0.5 |
1.2 |
1 |
| DSO (Tage) |
43 |
55 |
41 |
3 |
51 |
9 |
| DSI (Tage) |
89 |
70 |
26 |
14 |
- |
- |
| DPO (Tage) |
45 |
29 |
27 |
12 |
- |
- |
| Cash-Zyklus (Tage) |
91 |
96 |
40 |
5 |
51 |
9 |
| NWC |
36% |
26% |
27% |
5% |
9% |
-2% |
| G = Wachstumsindustrien - Pharma und Medizin, SIC 2833 | ||||||
| M = zyklische Industrien - Maschinen, SIC 3561 | ||||||
| W = Großhändler - Möbel, SIC 5021 | ||||||
| R = Einzelhandel - Supermarkets, SIC 5411 | ||||||
| U = Telefon Kommunikation, SIC 4812 | ||||||
| S= Services - Reisebüros, SIC 4724 | ||||||
| Quelle: Robert Morris Associates, "Annual Statements\Studies, 1994"; | ||||||
Bevor wir damit beginnen, die Zahlen in der Tabelle T-8.2 zu interpretieren, müssen wir erst einmal die Daten selbst besprechen. Die Schätzung des Cash-Zyklus ist etwas fehlerhaft für solche Hersteller, die zusätzlich Zeit für die Produktion brauchen, und deren Rohmaterialien und in Arbeit befindliches Inventar im Vergleich zum Umsatz zu niedrig erscheinen. Wie wir weiter unten sehen werden, scheinen diese Verzerrungen die Gesamtergebnisse, die aus diesen Statistiken gewonnen werden, nicht zu stören. Sehen wir uns einmal an, wie die Cash-Zyklen die Bilanzstrukturen dieser sechs unterschiedlichen Industrien beeinflussen.
Der Wahl der Industrien lag der Wunsch zugrunde, die Ratios von Firmen mit sehr unterschiedlichen Strategien und Voraussetzungen zu zeigen. (Durchschnittliche Ratios von ganzen Sektoren zeigen dagegen sehr geringe Unterschiede, wie man in der Tabelle T-8.4 sehen kann, die Mittlere Ratios von 80 000 US Firmen in acht Sektoren in 1999 zeigt.) Um die Anhäufung unterschiedlicher Firmen zu vermeiden, wurde nur eine Unternehmensgröße benutzt: die mit der geringsten Verbreitung. Weiterhin mussten alle Industrien in einer Gruppe eine ausreichende Anzahl von Firmen enthalten (d. h. mehr als 10). Von den vorhandenen sechs Gruppen erschien die beste Größenordnung die Unternehmensgruppe mit einem Umsatz von $10 bis $25 Millionen, die in zweiter Linie hinter der größten Gruppe mit Umsätzen über $ 25 Millionen steht. Es wird später noch darauf hingewiesen, dass kleine Firmen öfters große Leistungsunterschiede aufweisen. Große Unternehmen dagegen haben sehr oft Produktlinien, die über mehrere Industrien verteilt sind. Die Wahl von mittelgroßen Firmen erscheint deshalb die beste.
Jetzt lassen Sie uns aus den vorliegenden Daten einige Rückschlüsse ziehen. Aus der Tabelle T-8.2 ist ersichtlich, dass Herstellerfirmen natürlich (trotz den bekannten Unterbewertungen ihres Inventars) einen viel längeren Cash-Zyklus als andere Industrien haben: Die Pharma-Industrie braucht 91 Tage und die Maschinenfabrikanten 96. Supermarkets haben mit 5 Tagen den kleinsten Cash- Zyklus, obgleich sie ein sehr großes Inventar (25% der gesamten Aktiva) besitzen. Wie zu erwarten hat die Service Industrie einen kurzen Cash-Zyklus von nur 9 Tagen für die Reisebüros. Telefonfirmen geben ihren Kunden jedoch mehr Zeit zur Bezahlung, woraus sich ein relativ langer Cash-Zyklus von 51 Tagen ergibt. Großhändler benutzen ihre Außenstände wesentlich mehr als die anderen Industrien in dieser Auswahl (die Außenstände betragen tatsächlich 45% der gesamten Aktiva); trotzdem ist ihr Cash-Zyklus knapp 40 Tage lang, weil sie in der Lage sind, die Kredite, die ihnen von den Möbelherstellern gewährt werden, um ihre Inventare zu finanzieren, auszunutzen (tatsächlich sind die offen stehenden Verbindlichkeiten 27 Tage alt, was merkwürdigerweise länger ist, als die durchschnittliche Lagerhaltung von nur 26 Tagen).
| In 1995 hielten russische Einzelhandelsfirmen sehr große Mengen von Bargeldern in Höhe von 96% ihrer gesamten Aktiva (in den USA benutzte die gleiche Einzelhandelsbranche nur 45% ihrer Aktiva als Arbeitskapital). Überraschenderweise bestand über ein Drittel des Arbeitskapitals aus Bargeld (35%), obgleich zu Zeiten hoher Inflation das Halten von Bargeld sehr teuer ist. Anscheinend hielten russische Firmen solche große Bargeldreserven aufgrund der großen Wahrscheinlichkeit, dass Unternehmen wegen der extrem instabilen Wirtschaftsbedingungen sonst scheitern könnten. |
Wiederholungsfragen Q-8B.1 bis Q- 8B.9.
Hausaufgaben R-8B.1 bis R-8B.3.
| Vorheriger Abschnitt: Bedeutung |
|
Nächstes Kapitel: Arbeitskapital |