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© 2000 John Petroff, 2007 Übersetzung Peter Matulla |
B- Die Probleme des russischen Rechnungswesens
Das traditionelle russische Rechnungswesen ist kein Rechnungswesen sondern ein steuerliches Berichtswesen. Ein erstes, sofort offenkundiges Problem ist, dass die Buchung von Geschäftsvorfällen, die Kontenpflege und die Rechnungslegung nur auf eine bestimmte Art durchgeführt werden und diese extrem starr und detailliert gesetzlich geregelt ist. Der durch die Wahl von analytischen Konten oder Bilanzierungs- und Bewertungsmethoden (was hauptsächlich die Verrechnung von Gewinnen nach Steuern betrifft) vermutete Spielraum ist belanglos verglichen mit den bestehenden und sehr unterschiedlichen Anforderungen an ein Rechnungswesen bei bestimmten Industrien. Sobald minuziös angegeben wird, welches Formular benutzt werden muss, welche Dokumente die Einträge belegen müssen, welche Ausgaben erlaubt sind, usw wird dem im russischen Rechnungswesen betonten Grundsatz der wirtschaftlichen Betrachtungsweise eindeutig widersprochen. Ein Rechnungswesen muss den informatorischen Bedürfnissen eines Unternehmens angepasst sein und soll ihm dienen und nicht das Unternehmen in in eine Zwangsjacke bringen. Das russische System ist nicht auf die Bedürfnisse von Unternehmen konzipiert sondern auf das staatliche Bedürfnis Steuern zu veranschlagen, zur Erfassung des Leistungsverhaltens über quantitative (statt über bilanzielle) statistische Indikatoren und für die Entwicklung von Gesamtproduktionsplänen nicht-privatisierter Unternehmen in Form von Quoten und Preisen. 1995 hat sich die russische Bilanzgesetzgebung nicht sehr von jener unter dem Kommunismus unterschieden.
Ein zweites Problem des russischen Rechnungswesen ist, dass es als Steuerbuchhaltungssystem zur Untersuchung unternehmerischer Entscheidungen ungeeignet ist. Ein Rechnungswesen sollte so konzipiert sein, das es finanzielle und unternehmerische Entscheidungen ermöglicht. Das ist mit diesem System nicht möglich, da die Daten auf die Vergangenheit und nicht auf die Zukunft bezogen sind, wie die Betonung auf die Bilanzaufstellung und auf den Erhalt der Anlagegüter des Unternehmens zeigen. In Kapitel 2 wurde begründet, dass die ursprünglichen Kosten von Anlagegütern in der Bilanzaufstellung für Bewertungszwecke oder unternehmerische Entscheidungen unzweckmäßig sind. Erforderlich ist eine Prognose zukünftiger Einnahmen und der Bezug zu den Anlagegütern, die für das Erwirtschaften dieser Einnahmen eingesetzt wurden. Da aber die sowjetische Unternehmensführung nicht für die Einnahmen verantwortlich war und sie keinen Einfluss auf die Preise oder die Produktnachfrage hatte, ist die westliche Methode, die auf der auf der Basis von Einnahmen die Wertentwicklung eingeschätzt, bedeutungslos. Heutzutage werden immer noch in vielen Bereichen der russischen Ökonomie die Preise durch die Regierung festgelegt. Das Außerachtlassen der Einnahmen im oben beschriebenen russischen Rechnungswesen und der Finanz-Analyse ist wahrlich bemerkenswert. Stattdessen wird die Leistung, die nicht in der Bilanzaufstellung angegeben ist, statistisch über die produzierte Menge und die eingesetzten Angestellten gemessen. Ziel des sowjetischen Betriebes war es, seine Produktionsquoten zu überschreiten, nicht die Einnahmen oder den Gewinn zu erhöhen. Sogar noch heute ist dieses Verhalten in privaten Unternehmen in Russland weit verbreitet. Es gibt da Geschäftspläne, in deren Mittelpunkt die Produktionstechnologie steht, vernachlässigt wird aber die Analyse der Kundenwünsche oder der Konkurrenten. Es ist tatsächlich so, dass im russischen Alltag viele Produkte gerade nicht oder nur als Importware zu unbezahlbaren Preisen verfügbar sind.
Die Missachtung der Erfolgsrechnung ist eklatant, töricht und schädigend.Das Ergebnis der Unternehmenstätigkeit besteht aus zwei Bereichen: den Einnahmen und dem Aufwand für Fertigung die verkauften Waren. Die meisten Zeilen der Erfolgsrechnung sind für betriebsfremde Erlöse oder Verluste (wie Ertrag/Verlust von Wertpapieren und Kursgewinne/-verluste bei Währungen) und für die Zuordnung von Gewinnen nach Steuern. Der Gewinn oder Verlust von Wertpapieren und Währungen ist für unternehmerische Entscheidungen wenig brauchbar. Das sind Einmalergebnisse, die sich wahrscheinlich in der Zukunft nicht wiederholen. Das Management verantwortet zwar diese Gewinne oder Verluste von Wertpapieren oder Währungen, aber künftige Cash-Flows können aus diesen Quellen nicht erwartet werden. Soweit die Zuordnung des Gewinns nach Steuern betroffen ist wurde vorstehend bereits beschrieben, dass dieser zu wesentlichen Teilen für Sondervergütungen und unerlaubte Ausgaben verwendet wird. Aus unternehmerischer Sichtweise sind dies eindeutig gerechtfertigte und notwendige Ausgaben. Es ergibt keinen Sinn einen Teil der gleichen Aufwände in den Kosten für produzierte Güter und den anderen Teil in der Gewinnverteilung auszuweisen. Beispielsweise sind Sonderzahlungen eine Vergütung, von der das Management glaubt, dass sie gezahlt werden sollten, um die produktivsten Angestellten zu erhalten: Diese Vergütungen sollten mit den Gehältern gemeinsam ausgewiesen werden. Der erlaubte Anteil an Gehältern wird in die Kosten der produzierten Waren eingerechnet und Sonderzahlungen werden bei den sozialen Zielen oder anderen Gewinnzuordnungen versteckt.
Die Steuerbehörde kümmert es nicht wie das Zahlenmaterial vorgelegt wird solange das offizielle Format benutzt wird und so lange der Steuerprüfer jede Zahl prüfen (d.h. zum Beleg zurückverfolgen) und sich vergewissern kann, dass keine Vorschriften verletzt werden. Für finanzielle und unternehmerische Zwecke ist das unzureichend. Die Aufschlüsselung der Ausgaben (wie in Kapitel 13 gezeigt werden wird) ist sehr wichtig, da viele zukunftsorientiert sind. Das ist der Fall bei Werbung, Schulung der Angestellten, Forschung und Entwicklung und der Unterhaltung von Anlagen. Nichts davon wird im traditionellen russischen Rechnungswesen ausgewiesen, das sieht der Kontenplan auch nicht vor. Desgleichen sind die Aufwände für Wertverzehr in den Kosten der produzierten Waren vergraben. Während gerade im internationalen Rechnungswesen das Rechnen mit den Aufwänden für Abschreibungen eine richtige Herausforderung ist, könnte wenigstens ein Vergleich mit dem Wert der Anlagegüter und der Vergleich über die Zeit etwas Licht in die Angelegenheit bringen und zeigen, ob etwas aus dem Rahmen fällt. Beim traditionellen russischen Rechnungswesen ist das nicht möglich.
Ein weiteres tief greifendes Problem bei fast allen Konten und im Berichtswesen ist das gewollte Bestreben bei der Kontoführung die Istzustände in allen Aspekten bei Anlagegütern, Verbindlichkeiten, Einnahmen und Kosten zu erhalten. Es wurde früher bereits erwähnt dass es die Erwartung der sowjetischen Regierung gab, dass Anlagegüter instand gehalten und genutzt werden. Und der Kontenführer erfüllte diese Erwartung indem er die kleinstmögliche gesetzliche Abschreibung anwendete und damit die Abschreibung verzögerte. Wegen der Verbindlichkeiten gegenüber Lieferanten und Angestellten sind diese potenziell überhöht. Besondere Anstrengungen wurden unternommen damit Einnahmen so nah wie möglich an der Quote, ohne sie zu überschreiten, berichtet werden konnten. Alle zugelassenen Ausgaben wurden in die Kosten der produzierten Waren eingerechnet, sogar wenn manche Dokumente fingierte Angestellte und Betriebsmittel verkörperten.
(In dem Ausmaß, in dem Gegenstände überbewertet werden, verliert auch bei den meisten anderen Unternehmen das Rechnungswesen die Bedeutung die es haben sollte, aber die Abschreibung ist möglicherweise unbedeutend und keine schwerwiegende Einschränkung. Ebenso wie im westlichen Rechnungswesen kann erwartet werden, dass die Anlagegüter aller Unternehmen etwas unterbewertet sind. Falls die Abweichungen aufeinanderfolgend annähernd einheitlich waren, kann man für die Zukunft diese Abweichung korrigieren.)
Es ist sicherlich nicht der Zweck diese Kurses eine Anklageschrift gegenüber dem sowjetischen System oder der sowjetischen Geschäftspraxis zu formulieren. Die nachteilige zentrale Planung, die Vernachlässigung des Gewinnmotivs und die gewesenen Zahlungskrisen sind hier nicht von unmittelbarem Interesse. Das Anliegen ist hier nur das Rechnungswesen. Hat das Rechnungswesen zu den ökonomischen Problemen beigetragen oder sie gemildert? Wurde das Rechnungswesen durch sie verfälscht oder wurde es nicht beeinträchtigt? Die Antworten auf diese Fragen kann der Beschreibung der praktischen Arbeit eines Rechnungsführers entnommen werden: Die dem Rechnungswesen offenbar zugedachten Aufgaben wurden verfälscht und im Gegenzug hat das Rechnungswesen die Zahlungsprobleme verschärft, indem indem es Instrumente lieferte, sie zu umgehen und die Vernachlässigung von Einnahmen-und Gewinnmotiven durch Verbergen des tatsächlichen Geschehens verstärkte.
Das ist ein ernstes Problem beim russischen Rechnungswesen. Es gilt da die allgemein akzeptierte Praxis, dass die Rechnungsführer den Steuerbehörden das geben müssen, was sie sehen und wissen wollen: die entsprechend den Gesetzen bearbeiteten Formulare und Dokumente unabhängig davon, ob die berichteten Zahlen der Realität entsprechen. 1995 wurden fast alle privaten Unternehmen, die daran interessiert sein sollten neue Aktionäre zu gewinnen, gebeten, Finanzberichte für eine Studienarbeit einer Moskauer Staatsuniversität zur Verfügung zu stellen. Das wurde ihnen aber offiziell verboten und die Studenten waren gezwungen irgendwelche Daten, die sie unter Wahrung der Anonymität finden konnten, zu benutzen. Der Grund dafür war allen bekannt. Diese Unternehmen wollten keine offiziellen Finanzinformationen, die fehlerhaft waren und Investoren abschrecken könnten, weitergeben.
Das ist das gravierendste Problem. Kennzahlen des Rechnungswesens werden zur Täuschung verwendet. Jeder (d.h. Steuerbehörden, Regierung, Angestellte, die gesamte Öffentlichkeit, Eigentümer, Investoren und insbesondere die Unternehmensleitung und die Rechnungsführer) wissen, dass die Kennzahlen aus der Rechnungslegung, die den Steuerbehörden vorgelegt werden nicht die tatsächliche Wertentwicklung widerspiegeln. Ein unglaubliches Beispiel hierzu war ein Bericht in den Medien über die Zahlungsunfähigkeit des Produzenten von „Roter Oktober Schokolade“, der in der folgenden Woche durch Quellen, die den Medien eine brillante Strategie und ein florierendes Geschäft aufzeigten, dementiert wurde. Wenn die Rechnungslegung zu einem Werkzeug der Desinformation wird erfüllt sie nicht mehr die zugedachte Funktion. Das ist beim russischen Rechnungswesen der Stand der Dinge.
Offenbar ist die Einführung eines neues Systems des Rechnungswesens die Abhilfe und das ist genau das, was getan werden wird. Wie bereits angemerkt dauert es bedauerlicherweise lange bis sich Gewohnheiten ändern. Auch dann, wenn das internationale Rechnungswesen gelehrt und überall in der früheren Sowjetunion sogleich genutzt wird, würde es lange dauern bis Praktiker, Unternehmensführer und Außenstehende beginnen den Kennzahlen des Rechnungswesens zu trauen. Bis dahin werden Manager ihre Zeit mit dubiosen Täuschungsstrategien und Tauschgeschäften verschwenden, Rechnungsführer durch buchstabengetreue Anwendung neuer Regelungen für die Rechnungslegung Schutz suchen, misstrauische Investoren versäumten Gelegenheiten nachjagen. Man kann sagen, dass ein mangelhaftes, althergebrachtes Rechnungswesen und die Verhaltensweisen, die es geformt hat, für die Menschen dieser Länder ein Unglück waren und bleiben.
| Betrügereien im Rechnungswesen sind nicht auf die Vergangenheit und kleinere russische Unternehmen begrenzt, sie werden verbreitet genutzt sogar bei solchen schwergewichtigen Riesen wie Gazprom und auch bei Bilanzwäschen westlicher Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wie PricewaterhouseCoopers. In einem Artikel in „The Economist“ vom 20. April 2002 wird berichtet, dass ein ausländischer Investmentfond, Hermitage, PricewaterhouseCoopers verklagt die Milliarden von Dollar der Anlagegüter von Gazprom, die an Verwandte der Gazprom-Bosse abgezweigt wurden, nicht offengelegt zu haben. |
Trotz des nachhaltigen Schadens muss vorläufig mindestens eine behelfsmäßige Lösung gefunden werden. Die Lösung besteht darin die bisherigen Kennzahlen des Rechnungswesens, die auf traditionellem Weg erstellt wurden, in Zahlen umzurechnen, die der westlichen Denkweise entsprechen und, mit dem Wissen, dass nur Teile des tatsächlichen Leistungsverhaltens durch diese Daten erfasst werden, zur Durchführung von Finanzanalysen benutzt werden können. Das Korrigieren überbewerteter Anlagegüter und Kosten ist etwas, was ein Unternehmen nicht freiwillig durchführen wird oder ein außen stehender Analytiker jemals durchführen könnte. Mit diesem Vorbehalt wenden wir uns dem Prozess der Umsetzung von Daten der Rechnungslegung zu.
Wiederholungsfragen: Q-7B.1 bis Q-7B.10
Forschungsaufgaben: R-7.4 und R-7.5.
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